Lokale Elektrizitätsgemeinschaften
Was das Gesetz verspricht, was technisch möglich ist, und wo die eigentlichen Hürden liegen.
Executive Summary
In der Schweiz gibt es rechtliche Grundlagen für lokale Modelle des Eigenverbrauchs und Energie‑Sharings (z.B. ZEV/LEG). Der genaue Rahmen ist in Entwicklung und hängt vom konkreten Modell und Netzbetreiber ab.
Das Versprechen: Mehrere Haushalte oder Gebäude auf einem Areal teilen selbst produzierten Strom (meist Solar) und senken ihre Netzkosten durch lokalen Verbrauch.
Die Realität: LEGs funktionieren, aber unter engeren Grenzen als oft kommuniziert. Die grössten Hürden sind nicht technisch, sondern regulatorisch, finanziell und sozial.
Neu ist ein technischer Nachweispfad dokumentiert: Safety-API-Verträge, MQTT-QoS-Regeln und Migrationsfristen fuer Topic-Namensraeume.
Was ist eine LEG?
📜Rechtliche Einordnung
Eine LEG/ZEV ist ein Zusammenschluss von Endverbrauchern, die typischerweise:
- Auf dem gleichen Grundstück oder benachbarten Grundstücken liegen
- Über ein internes Verteilnetz verbunden sind
- Selbst produzierten Strom vor Ort verbrauchen
- Nur einen Anschluss ans öffentliche Netz haben
Quellen/Links: siehe Referenzen am Ende der Seite.
⚡Wie es funktioniert
✓ Vorteile
- • Keine Netznutzungsgebühren auf intern verbrauchten Strom
- • Höhere Eigenverbrauchsquote durch Lastverteilung
- • Attraktiver als Netzeinspeisung (Eigenverbrauchstarif > Einspeisevergütung)
- • Lokale Wertschöpfung bleibt in der Gemeinschaft
- • Unabhängigkeit vom volatilen Strommarkt
✗ Einschränkungen
- • Räumliche Begrenzung (Grundstück/Areal)
- • Komplexe Abrechnungsmodelle erforderlich
- • Hohe Setup-Kosten für Metering & Billing
- • Rechtliche Unsicherheiten bei Mieterverhältnissen
- • Netzbetreiber-Abhängigkeit für Zählerkonfiguration
Das Energie-Trilemma
LEGs navigieren ein komplexes Spannungsfeld zwischen drei konkurrierenden Zielen:
Solare Maximierung
Ziel: Maximale Solarproduktion installieren und nutzen.
Konflikt: Hohe Mittagsspitzen überlasten lokale Netze → Netzbetreiber können Einspeisebegrenzung fordern.
Real-World: In der Praxis gelten oft Einspeise- oder Leistungsbegrenzungen (je nach Netzbetreiber).
Netz-Stabilität
Ziel: Vermeidung von Überlastung und Netzausbau-Kosten.
Konflikt: LEGs schaffen neue Lastspitzen (E-Mobilität, Wärmepumpen) → Transformatoren am Limit.
Real-World: Netzbetreiber verlangen teure Netzertüchtigungen bei LEG-Erweiterung.
Autonomie
Ziel: Eigenständige Entscheidungen über Produktion, Verbrauch und Speicherung.
Konflikt: Netzbetreiber behalten Hoheit über Anschlussbedingungen und Tarife.
Real-World: LEGs sind faktisch "Prosumer im Gnadenstatus" des lokalen Netzbetreibers.
Die Wahrheit: Es gibt kein Gleichgewicht, das alle drei Ziele gleichzeitig erfüllt. LEGs müssen priorisieren, und diese Priorisierung wird oft vom Netzbetreiber vorgegeben, nicht von der Gemeinschaft selbst.
Forensische Analyse: Wo es wirklich hakt
1. Regulatorische Unklarheiten
Problem: Das EnG definiert LEGs, aber die Verordnung über die Eigenversorgung mit elektrischer Energie (VEVEE) lässt kritische Fragen offen:
- Was genau ist ein "benachbartes Grundstück"? (Strassen erlaubt? Private Leitungen über fremdes Grundstück?)
- Wie wird "Eigenverbrauch" definiert, wenn Speicher involviert sind?
- Dürfen LEGs Strom untereinander handeln, oder nur "verbrauchen"?
Konsequenz: Netzbetreiber interpretieren Regelungen restriktiv, im Zweifel gegen die LEG.
2. Metering & Billing Overhead
Problem: LEGs brauchen intelligente Messsysteme (Smart Meters) für jede Teilnehmende + zentrale Steuerung.
- Setup-Kosten: CHF 500–2'000 pro Zähler + jährliche Abrechnungssoftware
- Betreiberpflicht: LEGs müssen einen Messstellenbetreiber beauftragen (oft der Netzbetreiber selbst → Interessenkonflikt)
- Datenschutz: 15-Minuten-Messdaten = sensible Verhaltensprofile
Konsequenz: LEGs unter ~10 Parteien sind oft nicht rentabel.
3. Soziale Koordination
Problem: LEGs sind keine rein technischen Systeme. Sie sind soziale Organisationen.
- Governance: Wer entscheidet über Investitionen? (Mehrheitsprinzip? Veto-Rechte?)
- Fairness: Wie werden Kosten/Nutzen verteilt? (Pro-Kopf? Nach Verbrauch? Nach Dachfläche?)
- Konflikte: Was passiert, wenn ein Haushalt "unfair" viel Strom verbraucht?
- Exit-Szenarien: Was, wenn jemand aussteigen will? (Abfindung? Anteil am Solaranlage-Wert?)
Konsequenz: Viele LEGs scheitern an internen Konflikten, nicht an Technik.
4. Netzbetreiber als Gatekeeper
Problem: LEGs brauchen die Zustimmung des Netzbetreibers für:
- Anschlussbewilligung und Zählerkonfiguration
- Einspeiseverträge und Netznutzungstarife
- Technische Anforderungen (Schutzkonzepte, Leistungsbegrenzung)
Konflikt: Netzbetreiber verdienen an Netznutzungsgebühren. LEGs reduzieren diese Einnahmen.
Konsequenz: Netzbetreiber haben einen strukturellen Anreiz, LEGs restriktiv zu behandeln.
Was funktioniert trotzdem?
Erfolgsmodell: Überbauungen
Setup: Mehrfamilienhaus mit zentraler Solaranlage + Wärmepumpe
Eigentümer: Eine Entität (Genossenschaft, Bauherr)
Warum es klappt:
- Keine Governance-Konflikte (zentraler Owner)
- Economies of Scale (viele Teilnehmende)
- Professionelles Management
Status: Bewährt, >1000 LEGs in der Schweiz
Erfolgsmodell: Areale mit Ankerpunkt
Setup: Gewerbeareal mit Produktionsbetrieb + angrenzende Wohnhäuser
Eigentümer: Betrieb als Hauptverbraucher + kleinere Parteien
Warum es klappt:
- Betrieb hat Taglast → gute Solarnutzung
- Betrieb kann Investment tragen
- Einfachere Governance (Betrieb führt)
Status: Machbar, aber weniger verbreitet
Was LEGs NICHT sind (trotz Marketing)
- ✗Peer-to-Peer Energie-Marktplätze: Das EnG erlaubt keinen freien Handel zwischen LEG-Mitgliedern, nur kollektiven Eigenverbrauch.
- ✗Vollständige Autarkie: LEGs sind immer ans öffentliche Netz angeschlossen und auf dessen Regelungen angewiesen.
- ✗Blockchain-basierte Abrechnung: Technisch möglich, rechtlich problematisch (Netzbetreiber muss Messungen anerkennen).
- ✗Quartier-übergreifende Netze: LEGs sind räumlich auf zusammenhängende Areale beschränkt.
Sihlicon Hub als LEG-Enabler
Die Kernthese
Das Hauptproblem von LEGs: Solarproduktion und Haushaltsverbrauch sind zeitlich nicht synchron.
- Mittag: Solarüberschuss → niedrige Preise, oft Zwangseinspeisung
- Abend: Hoher Verbrauch → teurer Netzbezug
- Batteriespeicher: Lösen das Problem, aber: hohe Kosten (CHF 15'000+), begrenzte Zyklen, ineffizient bei Heizanwendungen
Sihlicon Hub-Lösung: Wandle Solarüberschuss in Compute + Wärme um → beide sind direkt nutzbar oder speicherbar.
Lastausgleich
Mechanismus:
Immersion-Cooling-Server verbrauchen Solarüberschuss als flexible Last.
Effekt: Höhere Eigenverbrauchsquote = weniger Netzgebühren
Wärmespeicher
Mechanismus:
Server-Abwärme (45–55°C) geht in Warmwasser-Pufferspeicher.
Effekt: Zeitliche Entkopplung von Produktion und Heizbedarf
Zusatzerlös
Mechanismus:
Compute-Leistung wird am Markt verkauft (AI-Training, Rendering, etc.).
Effekt: Zusätzliche Revenue-Quelle für LEG
Realistische Erwartung
Ein Sihlicon Hub ist kein Wundermittel, sondern ein Optimierungstool für LEGs:
- Best Case: +20–30% Eigenverbrauchsquote, CHF 500–1500 jährlicher Compute-Erlös
- Voraussetzung: Solaranlage bereits vorhanden, Niedertemperatur-Heizsystem vorhanden
- Amortisation: 5–8 Jahre bei CHF 15'000–25'000 Investition
Wichtig: Sihlicon Hubs lösen nicht die regulatorischen oder sozialen LEG-Probleme. Sie lösen nur das technische Lastausgleichsproblem.
Handlungspfade: Was jetzt tun?
Für bestehende LEGs
1. Status-Check: Eigenverbrauchsquote messen (ist Optimierung nötig?)
2. Low-Hanging Fruits: Wärmepumpen-Laufzeiten optimieren, E-Auto-Laden steuern
3. Pilotprojekt: Sihlicon Hub als Test-Installation (1–2 kW Compute)
4. Learnings dokumentieren: Open Source für andere LEGs
Für neue LEG-Gründungen
1. Governance klären: Vor technischer Planung: wer entscheidet was?
2. Netzbetreiber frühzeitig einbinden: Vorabklärung zu Anschlussbedingungen
3. Professionelle Begleitung: Energieberaterinnen und Energieberater mit LEG-Erfahrung beauftragen
4. Skalierbarkeit einplanen: System so bauen, dass Erweiterung möglich ist
Für Politik & Regulierung
1. VEVEE nachschärfen: Unklarheiten beseitigen (z.B. "benachbarte Grundstücke")
2. Metering-Standards: Open-Source Smart-Meter-Protokolle vorschreiben
3. Netzbetreiber-Anreize umkehren: Bonus für ermöglichte LEGs statt Straf
4. Sandbox-Regime: Experimentierräume für innovative LEG-Modelle
Die abschliessende Wahrheit
LEGs funktionieren, aber sie sind kein Selbstläufer.
Das Schweizer Energiegesetz hat die rechtliche Basis geschaffen. Die Technologie (Solar, Speicher, Smart Meters) ist ausgereift. Die Wirtschaftlichkeit ist gegeben, zumindest für mittlere bis grosse Installationen.
Die eigentlichen Hürden sind:
- →Regulatorische Grauzonen, die Netzbetreibern Interpretationsspielraum geben
- →Strukturelle Interessenkonflikte zwischen LEGs und Netzbetreibern
- →Soziale Koordinationskosten, die unterschätzt werden
- →Fehlende Standards für Metering, Billing und Governance
Sihlicon Hubs können das technische Problem lösen (Lastausgleich, Wärmenutzung). Aber sie können nicht die regulatorischen und sozialen Probleme lösen.
Was es jetzt braucht:
- Open-Source LEG-Frameworks (Musterverträge, Governance-Templates, Billing-Software)
- Evidenz-basierte Policy-Reform (VEVEE-Revision basierend auf Real-World-Daten)
- Pilotprojekte mit voller Transparenz (Kosten, Konflikte, Learnings öffentlich machen)
- Community-Building (LEG-Betreiber vernetzen, Best Practices teilen)
LEGs sind kein Hype. Sie sind eine reale, funktionierende Technologie. Aber ihr Potenzial wird nur dann entfaltet, wenn wir die nicht-technischen Barrieren genauso ernst nehmen wie die technischen.
Quellen & Weiterführendes
Rechtliche Grundlagen
- Energiegesetz (EnG), SR 734.0 – fedlex.admin.ch
- Verordnung über die Eigenversorgung mit elektrischer Energie (VEVEE) – fedlex.admin.ch
- Energieverordnung (EnV), SR 730.01 – fedlex.admin.ch
Behördliche Publikationen
- BFE: "Eigenverbrauch von Solarstrom – Merkblatt" (2024) – bfe.admin.ch
- ElCom: Jahresbericht Elektrizitätsmarkt 2025 – elcom.admin.ch
- VSE: "Lokale Elektrizitätsgemeinschaften – Praxisleitfaden" (2023) – strom.ch
Wissenschaftliche Literatur
- ETHZ Energy Science Center: "Prosumer in Swiss Energy Markets" (2024)
- HSLU Technik & Architektur: "Thermische Speicher für ZEV-Anwendungen" (2023)
- Empa: "Dezentrale Energiesysteme und Netzintegration" (2024)
Praxisbeispiele
- Baden LEG (seit 2019) – Pionier-LEG im Kanton Aargau
- Kraftwerk1 Zürich (seit 2017) – Genossenschaftsmodell mit >2000 Mitgliedern
- Energiegenossenschaft Freiamt (seit 2020) – Ländliche LEG-Struktur
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